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Patrick Süskind: Das Parfum – die Geschichte eines Mörders.

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Diogenes Verlag, 1985

Als «Das Parfum» Mitte der 1980er erschien, schlug der Roman salopp ausgedrückt wie eine Bombe ein und machte den Autor zu einem Star, nicht zuletzt weil er die Geschichte eines Mörders auf unterhaltende und meisterliche Weise erzählt. Ich habe den Roman als eine Parabel wider die Einseitigkeit, das Spezialistentum gelesen. In unserer von Geld regierten Zeit muss jeder auf seinem Gebiet ein kleiner Meister sein, ein gefragter Spezialist, um finanziell über die Runden zu kommen, um zu überleben.

Der Protagonist Jean-Baptiste Grenouille ist ein solcher gefragter Spezialist. Er wird als Eigenbrötler mit schwierigem familiärem Hintergrund beschrieben, aber mit einer besonderen Gabe gesegnet: Er kann buchstäblich alles bis ins feinste Detail riechen. Der vermeintliche Segen ist sein Fluch, den im Laufe der Geschichte zahlreiche Figuren mit dem Tod bezahlen. Als junger Mann lässt sich Grenouille zum Parfumhersteller ausbilden. Es scheint die Erfüllung seines Lebenstraums und – mit Blick auf seine spezielle Gabe – auch seines Lebenszwecks. Im Laufe seiner olfaktorischen Experimente bemerkt er, dass er für die Herstellung des perfekten Parfums menschliche Essenzen benötigt. So nimmt die Tragik ihren unerbittlichen Lauf: der talentierte Grenouille wird zum Mörder.

Grenouille ist ein eindimensionaler Mensch und ein Perfektionist zugleich. Er ist rücksichtslos, zielstrebig und besessen von seiner Idee. Er ist ein Solitär, mit wenig Empathie. Die Taten, die er in seiner Manie, das perfekte Parfum herzustellen, begeht, sind monströs oder einfach böse. In meiner Lesart des Buches lässt sich dies auch auf andere Zusammenhänge übertragen: auf einen Menschen, der, getrieben von seiner Gier nach immer mehr Geld oder Profitsucht, rücksichtlos alle um ihn herum ausbeutet, um sein Ziel - Geld - zu erlangen. Klar, wir Spezialisten werden nicht zu Mördern wie Grenouille im Roman, und doch laufen wir ständig Gefahr im Zuge unseres Strebens nach unserem eigenen Glück das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: die anderen und deren legitime Interessen.

Stephan Koncz