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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 2014

 

Warum beschäftigt man sich eigentlich mit der Vergangenheit? Eine der reizvollsten Begleiterscheinungen ist die Tatsache, dass das Studium einer anderen Weltanschauung die eigenen Vorstellungen relativiert. Wie steht das zum Beispiel mit unseren Ansprüchen an den Lebenspartner? Für immer und ewig? Das grosse Glück? Geld spielt keine Rolle? Scheidungsstatistiken widerlegen all diese rosaroten Träume, wie sie uns so mancher Hollywood Film nahebringen will.

 

Ganz anders sahen die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit das Miteinander der Geschlechter. Die Ehe galt als eine Zweckgemeinschaft, deren einziges Ziel das Wohlergehen der ganzen Sippe war. Ehen wurden deshalb unter Familienoberhäuptern vereinbart. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand nicht etwa die Zuneigung der Eheleute, sondern wirtschaftliche Erwägungen.

 

Wie aber passt in diese Welt die Liebesgeschichte von Abaelard und Heloise? Diese Amor-fou eines der grössten Gelehrten seiner Zeit: Man erinnert sich: Der brillante Theologe, der an der Universität lehrt, übernimmt gegen Kost und Logis die Bildung der als Schönheit bekannten Heloise. Die lernt nicht nur Philosophie bei ihm, sondern noch ganz andere Dinge. Weil Heloise schwanger wird, fliehen die Liebenden. Heloise bringt ihren Sohn Paraklet im Verborgenen zur Welt. Erst nach der Einigung mit dem Onkel kehren die beiden nach Paris zurück. Fulbert besteht auf einer Heirat, um die Ehre der Familie wiederherzustellen. Die Heirat erfolgt, aber heimlich, ohne dass die Öffentlichkeit sieht, dass der Theologe Abaelard nun ein Familienvater geworden ist.

Was dann geschieht, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Fulbert unterstellt Abaelard, er habe Heloise beeinflusst, ihre Stellung als Ehefrau zu verheimlichen und sich in ein Kloster zurückzuziehen, um Abaelards Position an der theologischen Fakultät der Pariser Universität nicht zu gefährden. Der Onkel sieht sich beleidigt und nimmt Rache. Er lässt Abaelard kastrieren. Der zieht sich als Mönch in die Abtei Saint-Denis zurück und schenkt seiner Geliebten und den anderen Nonnen ihres Konvents ein Kloster. Dort betreut er sie als geistiger Vater.

 

Das ist die Situation, in der die Liebesbriefe zwischen Abaelard und Heloise entstanden sein sollen. Generationen von Lesern haben in ihnen den Ausdruck einer tiefen Zuneigung gesehen, wie sie mit unseren Vorstellungen von Liebe durchaus übereinstimmt. Doch ist das wirklich so?

 

Die neuere Forschung, allen voran Georges Duby, der auch den Kommentar zu diesem Manesse-Band verfasst hat, weist darauf hin, dass wir damit mittelalterliches Geschehen wahrscheinlich in moderne Kategorien pressen. Er deutet die Liebesbriefe anders, und zwar nicht als private Liebesbriefe, sondern als ein literarisches Vexierspiel aus der Feder Abaelards. Der soll auch die Briefe Heloises verfasst und sich darin als das Opfer weiblicher Verführungskünste stilisiert haben. Heloise ist die Verführerin, und entspricht damit den Vorstellungen ihrer Zeit. Denn anders als heute war für das Mittelalter die Frau diejenige, die den Mann zu sexuellen Handlungen verleitete. Abaelard beweist in seinen Briefen seine Standhaftigkeit, mit der er der Ehe, der Familie und natürlich auch der Sexualität entsagt.

 

Dubys Deutung ist in der Forschung angegriffen worden. Zu lieb ist uns die Vorstellung von dem liebenden Paar geworden. Die gemeinsame Grabstätte von Abelard und Heloise auf dem Pariser Friedhof Père-la-Chaise ist auch heute noch eine touristische Attraktion. 

 

Dabei zeugt dieses Grab und die Geschichte von Abelard und Heloise mehr davon, wie wir Geschichte sehen wollen, als davon, was die Beteiligten damals wirklich erlebt und gefühlt haben.

 

Ursula Kampmann