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Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1999

 

Die realistischen Romane von Theodor Fontane (1819-1898) gelten heute als absolute Klassiker der deutschsprachigen Literatur. Fontane wird in einem Atemzug mit Thomas Mann, Friedrich Schiller oder Heinrich Heine genannt. Doch woher kommt diese Verehrung des preussischen Schriftstellers? Was an Fontanes Texten ist es, das bis heute eine so grosse Leserschaft anzieht? Ein Blick auf seinen Roman „Frau Jenny Treibel“ verrät es uns.  

 

Im Zentrum stehen hier zwei Familien: Da ist zum einen die Familie Treibel, bestehend aus Treibel, seiner Frau Jenny und ihren Söhnen Otto und Leopold. Treibel ist Fabrikant und repräsentiert das Besitzbürgertum, die sogenannte Bourgeoisie. Ihnen gegenüber steht die Familie Schmidt mit Professor Wilibald Schmidt, einem Gymnasiallehrer, und seiner Tochter Corinna. Beide vertreten die Sphäre des Bildungsbürgertums. Der Roman handelt hauptsächlich von einer möglichen Heirat zwischen Corinna Schmidt und Leopold Treibel. Während Corinna Leopold aus finanziellen Gründen heiraten will und somit alles daran setzt, gesellschaftlich aufzusteigen, versucht Jenny Treibel die Verlobung mit allen Mitteln zu verhindern, da sie für Leopold eine standesgemässe Partnerin vorsieht.

 

Schnell wird bei der Lektüre von „Frau Jenny Treibel“ ein sich wiederholendes Thema deutlich: Es geht im Prinzip nur um Geld. Während viele der Figuren, vor allem Jenny Treibel selbst, in Gesellschaft oft von Kunst, Poesie und von Idealismus sprechen, so tritt all dies in den Hintergrund, sobald es um Finanzielles geht. Jenny hatte sich in ihrer Jugend selbst gegen die leidenschaftlichen Avancen von Wilibald Schmidt entschieden und stattdessen den reichen aber langweiligen Treibel geheiratet. Trotzdem, obwohl sie selbst aus ärmeren Verhältnissen kommt, möchte sie für ihren Sohn nur eine Frau aus reichem Hause.

 

Auf diese Weise zeigt Fontane die Verlogenheit der Bourgeoisie. Raffiniert enttarnt er Jenny und Ihresgleichen als lächerlich und scheinheilig. Zwar zitiert sie immer noch die Gedichte und Lieder, die ihr Wilibald damals geschrieben hat und sagt, man solle seinen Gefühlen folgen, jedoch ist ihr höchstes Ziel eigentlich ein Leben in Reichtum und Eleganz, gleich dem Leben des Adels. Kunst und Idealismus sind dabei lediglich Dekoration und Zeichen für Bildung. So spiegelt Fontane die Gesellschaft um 1880 wieder und schlägt sich dabei eindeutig auf die Seite des Bildungsbürgertums und nicht auf die des Besitzbürgertums.

 

Das Überraschendste an „Frau Jenny Treibel“ ist jedoch seine Gegenwärtigkeit. Dass wir bis heute – oder vielleicht mehr denn je – in einer Ellbogengesellschaft leben, wird wohl jedem bewusst sein; genau wie die Tatsache, dass finanzieller Reichtum nach wie vor ein Ziel für die meisten Menschen ist. Doch es geht um mehr als das. Beim Lesen der Unterhaltungen im Roman fühlt man sich als Leser ertappt. Denn es ist der gleiche geistlose Smalltalk, der bis heute in Gesellschaft geführt wird. Schon in „Frau Jenny Treibel“ lassen die Figuren wie beiläufig Kunstreferenzen und v.a. auch englische Vokabeln in ihre Sprache einfliessen, nur um gebildet und weltoffen zu wirken. Anglizismen und Namedropping schon um 1880.

 

Theodor Fontane zeigt hier eindrücklich, dass Geld und Status die treibenden Kräfte des Bürgertums sind und wir wiederrum bemerken beim Lesen, wie recht er damit hatte und dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Nach wie vor heiraten Akademiker hauptsächlich Akademiker und teure Autos und Häuser werden mehr bestaunt als künstlerische Bestrebungen. Es bleibt daher abzuwarten, ob „Frau Jenny Treibel“ in den nächsten Jahrzehnten jemals an Aktualität verlieren wird.

 

Christina Schlögl