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Kenneth Grahame, Das goldene Zeitalter / Traumtage

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1998

 

Wovon träumt der Mann, der in der Bank steht und uns das Geld über den Tresen reicht? Woran denkt er, wenn er Zahlen addiert und Zinsen berechnet? Normalerweise wissen wir es nicht, aber Kenneth Grahame, Angestellter der Bank of England in den Jahren zwischen 1879 und 1908, hat seine Träume aufgeschrieben und in wunderschönen Kurzgeschichten verewigt. Er träumte nicht vom Reichtum, nicht davon, dass er über alles Geld der Bank of England verfügen könne, er träumte von einem Goldenen Zeitalter, von einer Zeit, in der die Menschheit frei und glücklich war.

 

Es ist ein mythisches Zeitalter, das Grahame da in seinem Titel heraufbeschwört. Wir kennen es aus der antiken Dichtung. Unzählige Generationen von Lateinschülern lernten die ersten Zeilen von Ovids Metamorphosen auswendig, die das Paradies des goldenen Menschengeschlechts beschreiben. Wie sorglos lebten die Menschen auf Erden! Ohne Arbeit, ohne Mühsal, ohne Krieg! Doch das Goldene Zeitalter musste enden, und auch Ovid bedauert, dass nun die Epoche des Eisens angebrochen ist, in der die Menschen miteinander kämpfen und im Schweiße ihres Angesichts ihren Lebensunterhalt erwerben.

 

Aber Grahames Bücher handeln nicht von antiker Mythologie, sondern von einer anderen glücklichen Zeit, von der Kindheit. In „Das Goldene Zeitalter“ erweckt er in einer Fülle von Kurzgeschichten diese Kindheit zum Leben und erzählt Geschichten, die zu schön sind, um tatsächlich passiert zu sein. Wir sehen die Welt aus den Augen des Kindes, dessen einziger Feind der Erwachsene ist. Der hat vergessen, was es heißt, ein Kind zu sein, und versucht die ihm ausgelieferten Kleinen zu Dingen zu zwingen, die ihnen sinnlos erscheinen. Wozu pünktlich sein, wenn ein Fluss darauf wartet, erforscht zu werden? Wieso still sitzen, wenn draußen die Sonne scheint? Was liegt daran, wenn die Hose schmutzig wird? Das Leben ist ein herrliches Abenteuer, das darauf wartet bestanden zu werden. Geld? Spielt in dieser Welt keine Rolle. Arbeit? Etwas für die Großen, deren Welt auf einem anderen Planeten zu liegen scheint.

 

Man mag sich fragen, ob Kenneth Grahame denn tatsächlich so eine idyllische Kindheit hatte, dass er sich noch als gestandener Mann danach sehnte. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Die Mutter des Autors starb, als er fünf war. Der Vater, ein notorischer Trinker, verließ, völlig überfordert mit seiner Aufgabe, die Kinder und übergab sie einer Großmutter zur Erziehung. So wuchs Kenneth mit seinen drei Geschwistern in einem Pfarrershaushalt auf dem Lande auf, ehe er die Schule besuchte und man ihn im Alter von 20 Jahren zur Lehre in die Bank of England schickte.

 

Ob er sich dort wohl gefühlt hat? Wie auch immer, jedenfalls verfügte Grahame über die Phantasie, sich auch als Erwachsener noch in die Gedankenwelt eines Kindes einzufühlen und andere auf diese phantastische Reise mitzunehmen. Seine Geschichten wurden zu einem großen Erfolg! Die Leser des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts schwelgten geradezu darin. Nicht nur die Kinder, sondern gerade die Erwachsenen. Wir wissen zum Beispiel, dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. sich diese Geschichten gerne vorlesen ließ.

 

Die freie Kindheit, die nicht mit den Zwängen und Verantwortungen der Erwachsenen belastet ist, mag gerade dem begehrenswert erscheinen, den der Ernst des Lebens erdrückt.

 

Ursula Kampmann