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Jack London, Der Seewolf

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Publiziert von Diogenes, 2001

 

Eigentlich braucht man den Seewolf nicht vorzustellen. Die meisten erinnern sich an Raimund Harmstorf, der 1971 in der Titelrolle des gleichnamigen Fernsehvierteilers eine Kartoffel mit der blossen Hand zerquetschte. Die Vorlage zu diesem Buch lieferte Jack London, den wir als Autor unzähliger spannender Romane kennen. Mit seinem Seewolf schuf er einen Helden, der unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt.

 

Er ist stark, intelligent, gutaussehend, selbstsicher und absolut skrupellos. Für Kapitän Wolf Larsen, wie der Seewolf mit bürgerlichem Namen heisst, zählt kein Menschenleben ausser seinem eigenen. Was ihm nützt, ist gut, was ihm schadet, schlecht. Mit dieser einfachen Maxime geht er durchs Leben, ohne auf irgendetwas Rücksicht zu nehmen. So behandelt er den Schiffbrüchigen Humphrey van Weyden als Menschenmaterial, das ihm das Schicksal geschickt hat. Er setzt ihn nicht an Land, wie es Sitte und Anstand erfordert hätten, sondern gliedert ihn seiner Mannschaft ein. Zunächst als Schiffsjungen, dann als Steuermann. Denn Larsen ist fasziniert von dem idealistischen Intellektuellen. Er will ihn zu seiner darwinistischen Lebensauffassung bekehren. Er will ihn brechen und zu einem ergebenen Anhänger des Materialismus machen.

 

Humphrey van Weyden wehrt sich, nicht nur in Worten, sondern in Taten. Er ist der Gegenentwurf zu Wolf Larsen. Er glaubt an seine Ideale, an eine menschliche Seele und an die Würde, die jedem Menschen innewohnt. Er bleibt anständig und lebt die christliche Maxime, dass die wahre Natur eines Menschen sich darin zeige, wie er mit seinem Feinde umgehe.

 

Als sich das Schicksal wendet und ihm Larsen – blind und gelähmt – ausgeliefert ist, behandelt ihn van Weyden als Menschen, hegt ihn, pflegt ihn, obwohl Larsen ihn zu ermorden versucht. Larsen stirbt während eines Sturms und van Weyden gibt ihm ein ehrenvolles Begräbnis. Nicht der starke, skrupellose Seewolf siegt, sondern die Menschlichkeit eines van Weyden.

 

Jack London erteilt mit seinem Buch Nietzsche und seiner damals und heute viel diskutierten Idee vom Übermenschen eine Absage. Stärke, Intelligenz, Selbstsicherheit und Wissen bewahren Wolf Larsen letztendlich doch nicht vor seinem Fall. So kann auch der Stärkste, der Intelligenteste irgendwann in seinem Leben in eine Situation kommen, in der er auf die Hilfe eines anderen angewiesen ist. So fasziniert wir von der Idee eines Übermenschen sein mögen, so lächerlich und mitleidserregend wirkt so ein Übermensch, wenn er durch Krankheit oder Alter seine Stärke verloren hat.

 

Und hier liegt die unsterbliche Botschaft des Seewolfs, der zur Pflichtlektüre unseres jugendverliebten Zeitalters gehören sollte: Stärke vergeht. Jeder wird irgendwann auf Hilfe angewiesen sein.

 

Und wer sich dies nicht eingestehen will, endet wie Raimund Harmstorf, der Seewolf-Darsteller, der einst Kartoffeln mit der blossen Hand zerquetschte und sich 1998 aufhängte, weil er an Parkinson und Psychosen litt.

 

Ursula Kampmann