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Petronius, Satyricon

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 2004

 

Wofür überlässt man dem Teufel seine Seele? Einige Gelehrte des 16. Jahrhunderts waren dazu bereit, um ein Buch vollständig zu lesen, das nur in Bruchstücken überliefert war: das „Satyricon“, also „Satyrspiele“. Schon die Bruchstücke machten Appetit auf mehr – sofern man keine moralischen Bedenken hatte.

 

Es gibt kein zweites antikes Buch, das so prall gefüllt ist mit Exzessen: Da wird gefeiert und geliebt, gesoffen und betrogen, man schlägt sich und man neckt sich. Und das in allen Tönen, denn der Autor beherrscht die Klaviatur der lateinischen Sprache virtuos; er parodiert in Hochsprache das angesagteste Epos seiner Zeit, um im nächsten Moment den Volksmund so gekonnt zu imitieren, dass die Renaissancegelehrten in all den vulgärlateinischen Ausdrücken Überlieferungsfehler vermuteten, die sie meinten verbessern zu müssen. Der Ideenreichtum, Humor und die sprachliche Vielfalt machen dieses Sittengemälde der römischen Kaiserzeit zu einem Lesegenuss!

 

Im Zentrum der fiktiven Geschichten stehen zwei Freunde, Enkolp und Askyltos. Auf einer Odyssee durch Süditalien verschlägt es sie von einem amourösen Abenteuer zum nächsten. Mit von der Partie sind ein gewissenloser Profiredner, ein abgehalfteter Dichter und ein flittchenhafter Jüngling, der allen den Kopf verdreht.

Die lange Beschreibung eines Gastmahls erzählt von den Vergnügungen der Reichen im kaiserzeitlichen Rom. Künstlerisch übertrieben lässt es doch das wahre Leben der Zeit erahnen. Das Essen gerät zum Spiel, wenn lebende Vögel aus dem Keiler flattern und als Vorwegnahme der Molekularküche die äussere Form über den Inhalt täuscht. So ist es auch mit den Menschen. Gastgeber ist der unglaublich reiche Trimalchio, ein Freigelassener, der vor Dummheit und Unbildung strotzt – und mit beidem auch noch protzt („Bildung ist das beste Tresor!“). Moralische Werte kennt er nicht, seine Richtschnur ist der wirtschaftliche Profit, der ihm – so meint er – gesellschaftliche Anerkennung verschafft. Wie in einer Screwball-Komödie endet die Party im Chaos, als Trimalchio seine eigene Beerdigung inszeniert und das Blechbläserensemble die Feuerwehr auf den Plan ruft …

Nächste Szene: die Stadt Kroton. Auch hier überzeichnet Petron einen realen Missstand seiner Zeit, nämlich die Folge der Kinderlosigkeit in vielen aristokratischen Familien. Erbschleicher lauern ständig auf die Ankunft potentieller Opfer – und werden doch selbst zu Opfern in diesem Schelmenroman. Die Akteure spielen den kinderlosen Reichen mit Gefolge und lassen sich aushalten. Testamentarisch erhalten die Krotoner das – nicht vorhandene – Vermögen unter der bizarren Bedingung, dass sie die Leiche ihres Gönners verspeisen.

 

Grotesk, vulgär, obszön – aber auch gelehrt, feinsinnig, subtil. Der Autor unterhält, er moralisiert nicht. Seine exaltierte Überzeichnung zwingt uns zum Nachdenken. Wenn Geld zur alleinigen raison d’être wird, formt es uns zu amoralischen, vergnügungssüchtigen und geistig unreifen Kreaturen wie Trimalchio. Wollen wir wirklich so leben?

Der Autor übrigens, Titus Petronius, ist vermutlich identisch mit dem gleichnamigen Vertrauten Neros, seinem „Schiedsrichter in Geschmacksfragen“. Obwohl ein notorischer Lebemann, kontrastierte Petron den Ruf der Verkommenheit energisch mit seiner Statthalterschaft; sein Regiment war vorbildlich. Nero zwang ihn später zum Selbstmord, weil Petron gegen ihn konspiriert haben soll. So zeigte dieser vollendete Schriftsteller, wie man in einer Zeit voller Herausforderungen moralische Integrität bewahrt und vorlebt.

 

Björn Schöpe