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Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1999

 

Wenn wir heutzutage auf die viktorianische Gesellschaft in England zurückblicken, denken wir vor allem an ein enges Korsett aus gesellschaftlichen Regeln und Moralvorstellungen. Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts war diese Gesellschaft nicht nur von Strenge, sondern auch von enormer Dekadenz bestimmt – vom Sammeln von Schätzen aus den Britischen Kolonien, geistreichen Gesprächen über Kunst und einem steten Bestreben nach Schönheit und Jugend. Dieser Gegensatz wird in Oscar Wildes einzigem Roman, „Das Bildnis des Dorian Gray“ (1891), eindrücklich verarbeitet. 

 

Der Roman verbindet Gesellschaftskritik mit mythischen Elementen. Es geht darin um den jungen Mann Dorian Gray, von dem ein Künstler namens Basil Hallward ein Porträt anfertigt. Beim Anblick des Bildes und der Erkenntnis seiner eigenen überwältigenden Schönheit wünscht sich Dorian sehnlichst, er möge für immer jung und attraktiv sein und das Bild solle statt ihm altern. Im Laufe der nächsten Jahre zeigt sich, dass sein Wunsch tatsächlich in Erfüllung geht. Denn obwohl Dorian zusammen mit dem reichen Lord Henry ein ausschweifendes, skandalöses Leben führt, bleibt sein Körper immerfort der des zwanzigjährigen, wunderschönen Dorian. Immer mehr wird Gray innerlich zu einer skrupellosen, grausamen Karikatur seiner selbst – sein Wunsch nach ewiger Jugend drängt ihn schliesslich in den Wahnsinn und macht ihn zum Mörder und Verfolgten.

 

Der irische Schriftsteller Oscar Wilde (1854-1900) zeigt am Beispiel von Dorian Gray, wie verhängnisvoll ein hedonistisches, von Äusserlichkeiten bestimmtes Leben ist. Er präsentiert ein kritisches Bild der englischen Oberschicht, die sich in ihrer höheren Moral gefallen, aber gleichzeitig nur oberflächlichen Beschäftigungen nachgehen. Schönheit und scheinbare Tugendhaftigkeit werden gepriesen, doch niemand interessiert sich dafür, was hinter der Fassade liegt.

Durch das mystische Element des alternden Porträts schafft Wilde selbst ein konkretes Sinnbild, um seine Leser auf die Verlogenheit der Gesellschaft seiner Zeit aufmerksam zu machen. Der gesamte Roman dient somit als Spiegel für eine viel zu oberflächliche, dekadente Gesellschaft.

 

Dass „Das Bildnis des Dorian Gray“ seit seinem Erscheinen unzählige Male in Theaterstücken, Filmen, Opern, Musicals, Hörspielen und Comics adaptiert wurde, ist alles andere als verwunderlich. Denn die Problematik, die Wilde in seinem Roman anspricht, ist in den letzten Jahrzehnten nur noch schlimmer geworden. Jugend- und Schönheitswahn haben einen scheinbar unschätzbaren Einfluss auf alle Lebensbereiche – auf die Vergabe von Jobs, den Erfolg einer Beziehung, die Anerkennung unserer Mitmenschen. Genau wie Dorian Gray scheinen viele von uns der Idee verfallen, dass unser Äusseres das Wichtigste an uns ist und tun daher alles Menschenmögliche, um für immer wie Mitte zwanzig auszusehen.

 

Und nicht nur das. Genau wie in der viktorianische Gesellschaft wird im 21. Jahrhundert derjenige bewundert und anerkannt, der am weitesten gereist ist, am meisten besitzt und die berühmtesten Leute kennt. War es in Dorian Grays Gesellschaft noch begehrenswert, Schätze aus dem Orient zu sammeln, ist es heute schick, nach Laos oder Nepal gereist zu sein. Dass dies jedoch beides nichts mit den Menschen an sich zu tun hat, und dass diese Einstellung geradezu fatal für eine Gesellschaft ist, das schildert Wildes weltberühmter Roman und genau darüber lohnt es sich jetzt, wie vor hundert Jahren, nachzudenken.

 

Christina Schlögl