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Ursula Kampmann - Mein Lieblingsbuch. Gillian Bradshaw, So gebet dem Kaiser...

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Lieblingsbücher wechseln. Sie sind verbunden mit der Zeit und ihrem Zeitgeist, dem Alter des Lesenden und der persönlichen Situation. Aber eine Autorin, die mir immer Vergnügen schenkt mit ihren historischen Romanen ist Gillian Bradshaw.

 

Sie schildert Helden, die so gar nicht den landläufigen Vorstellungen entsprechen, wie ein Held sich benehmen soll. In "So gebet dem Kaiser" ist die Hauptfigur zum Beispiel ein Bankier aus Alexandria. Eine überraschende Wahl! Wer entwickelt schon Sympathien für einen Bankier? Gerade in der Antike sind sie wegen ihrer unglaublichen Wucherzinsen berüchtigt. Doch Hermogenes ist anders. Er betreibt - wie wohl auch damals die meisten Bankiers - sein Geschäft redlich. Betrug hat er nicht nötig, denn er ist außergewöhnlich erfolgreich. Kein Wunder. Seine Voraussetzungen sind bestens: Er hat das römische Bürgerrecht erworben. Dazu ist er ein intelligenter, liebenswürdiger, wortgewandter Mann, der Latein fast wie seine Muttersprache spricht und selbst für einen Sklaven ein nettes Wort übrig hat.

 

Und dieser Hermogenes aus Alexandria kommt im Sommer des Jahres 16 v. Chr. nach Rom. Er hat ein geschäftliches Anliegen. Er betreut den Nachlass seines Onkels, der wegen einer unbezahlten Schuld bankrott gegangen ist. Der säumige Schuldner ist ein hoher römischer Beamter, Lucius Tarius Rufus, der in eben diesem Jahr das Amt des Konsuls bekleidet. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der Grieche Hermogenes, Bürger Alexandrias, kommt also wenige Jahre nach der römischen Eroberung Ägyptens in die Hauptstadt selbst, um als Bewohner des unterworfenen Landes vom höchsten Repräsentanten der römischen Staatsmacht gemäß römischem Recht seine Schuld einzuklagen.

 

Und darum dreht sich das Buch: Wie mutig muss ein Mann sein, um nichts weiter zu erhalten als sein Recht? Wie gehen Autoritäten mit einer gerechten Forderung um, wenn sie sich gegen einen ihrer Repräsentanten richtet? Es ist ein hochbrisantes Thema, selbst in einer Welt, in der sich Staaten brüsten ein Rechtsstaat zu sein. Denn wie schnell sind diese Rechtsstaaten am Ende, wenn sich ihre Repräsentanten mit der gesamten hinter ihnen stehenden Staatsmacht gegen die Forderung des Einzelnen stellen.

 

Gillian Bradshaw handelt am Thema Kredit alle großen Themen ab: Recht, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit, Beamtentyrannei und Druck der Öffentlichkeit, Polizeigewalt und vieles mehr.

 

Und sie beschäftigt sich auch mit dem Wert des Geldes. Denn Hermogenes ist eben kein antiker Michael Koolhaas. Er fragt sich immer wieder, ob es das wert ist, für Geld sein Leben und das der ihm Lieben aufs Spiel zu setzen. Und er begreift am Ende, dass kein Geld der Welt ihm das Leben zurückkaufen kann. Und trotzdem vertritt er die Maxime, dass man manchmal sein Leben aufs Spiel setzen muss, um die Welt zu einem lebenswerten Ort zu machen. Und das ist sie eben nur dann, wenn es Regeln gibt, an die sich alle halten, und wenn ein gerechter Staat mit gerechten Repräsentanten diese Regeln durchsetzt.