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Alessandro Manzoni, Die Verlobten. Das Lieblingsbuch von Jürg Conzett

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1950, Originalausgabe 1827.

 

Mein liebstes Buch ist untrennbar mit meiner Jugend verknüpft. Wenn ich mich an diese Zeit erinnere, dann muss ich gestehen: Anders als viele Altersgenossen konnte ich mich gar nicht beklagen über unverständige Eltern, gegen die ich hätte ankämpfen müssen. Und doch, ich hatte meine eigenen Ideen und spürte, dass es Schranken gab. Sie waren nicht immer sichtbar, engten mich aber doch ein. Denn in unserer Gesellschaft war nicht alles nach Belieben möglich.

Wenn man jung ist, hat man in der Regel noch wenig Besitz und ist in seinen Entscheidungen abhängig von anderen. Man ist daher vielleicht besonders empfindsam für Hierarchien. Ich spürte jedenfalls deutlich, dass unsere Gesellschaft geteilt ist in die einen, die Geld haben und Macht ausüben können, und in die anderen, die unten stehen und die Folgen zu (er)tragen haben. Geld und Macht können wie ein Katalysator in den Menschen das Schlechte verstärken, das wurde mir damals klar.

Nirgends sah ich die Überlegungen, die mich seinerzeit umtrieben, so deutlich bestätigt wie in Manzonis „Die Verlobten“. Im feudalen Italien des 17. Jahrhunderts versprechen sich zwei Liebende die Ehe. Doch dieser Traum zerbricht, als ein Adeliger sich in die junge Frau verliebt und sie entführt. Seine Machtposition gibt ihm sogar das Recht dazu. Und doch zeigt Manzoni, dass es lohnt, für seine Träume zu kämpfen. Nicht nur der junge Mann Renzo ist ein Held, auch seine geliebte Lucia wehrt sich mit all ihrer Macht. Indem sie sich nicht einschüchtern lassen von den Ränkespielen der Mächtigen, nicht brechen lassen von den Gefahren, von denen es genug gibt – nur so gelingt den beiden die Verwirklichung ihres Traums. Sie finden wieder zueinander, können heiraten und eine Familie gründen.

Damit trotzen die Verlobten allen gesellschaftlichen Widerständen und zeigen uns, dass wir unseren Idealen treu bleiben und für sie kämpfen müssen. Egal wie ungerecht es in unserer Gesellschaft zugehen mag.