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Hermann Hesse, Der Steppenwolf

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1946

 

Es ist kein leichtes Dasein, das Harry Haller, zentrale Gestalt des Romans „Der Steppenwolf“ führt. Einesteils wäre er zu gerne ein angepasster Bürger mit seiner Sehnsucht nach Sicherheit und Liebe, aber dann überkommt ihn auf einmal seine andere Seite, der Steppenwolf, der die Gesellschaft verachtet, sich über alle Konventionen hinwegsetzt und mit dem kleinbürgerlichen Leben längst gebrochen hat. Er ist ein einsamer Außenseiter, der neidisch auf all diejenigen schaut, die glücklich durch ihr nichtssagendes Leben gehen können, um sich am Augenblick zu freuen.

 

Geschrieben hat den Steppenwolf Hermann Hesse (1877-1962), der darin seine eigenen Zweifel an der Gesellschaft, wie er sie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erlebt hat, verarbeitete. Nicht umsonst hat er seinem Helden die Initialen seines eigenen Namens verpasst. Der Roman erschien 1927, und war damals ein Buch unter vielen, dem mancher Rezensent sogar jede literarische Bedeutung absprach.

 

Als der Roman 1946 im Manesse-Verlag erschien, hatte Hermann Hesse gerade den Nobelpreis erhalten, auch und vorwiegend wegen seiner pazifistischen Gesinnung, die stellvertretend für eine andere, friedliebendere deutschsprachige Literatur stand. Nichtsdestotrotz bezeichneten namhafte deutsche Literaturkritiker seine Werke als „Kitsch“. Die Verkaufszahlen gingen in den Keller. Und das wären sie geblieben, hätte die zerrissene Gestalt eines Harry Haller nicht dem Lebensgefühl einer ganzen Generation entsprochen, die sich in den 60er Jahren in den Vereinigten Staaten Bahn brach.

 

Wer Hippie sein wollte, musste sich nicht nur die Haare lang wachsen lassen und Hasch konsumieren, er musste auch zumindest den Steppenwolf gelesen haben. In ihm erkannten sich die Suchenden, die wie Harry voller Verachtung für alles Kleinbürgerliche mit der Generation der Eltern gebrochen hatten, um ihren neuen Weg zu finden, fernab aller Konventionen.

 

Der Steppenwolf wurde zur Bibel der Hippie-Bewegung und kam mit dieser zurück nach Deutschland, wo allein in den Jahren 1972 und 1973 mehr als 800.000 Bücher verkauft wurden.

 

Heute noch gilt der Steppenwolf als wichtiges Buch für den Heranwachsenden, der auf der Suche ist nach seiner Identität.

 

Ursula Kampmann