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Gottfried Keller, Die Leute von Seldwyla

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1982

 

 „Ein Bändchen Novellen, ganz spielend niedergeschrieben“, so beschreibt Gottfried Keller selbst sein 1856 erschienenes Werk „Die Leute von Seldwyla“. Wo Seldwyla liegt, erfährt der Leser gleich zu Beginn. Es ist ein wonniger, sonniger Ort irgendwo in der Schweiz. Ebenso sonnig wie das Städtchen ist auch das Gemüt seiner Bewohner. Immer zu Späßen aufgelegt, nehmen sie das Leben leicht. Von harter, mühevoller Arbeit halten sie nicht so viel. Wo andere ihre Groschen sparsam zusammenhalten, gibt der typische Seldwyler lieber aus. Lebt auf Pump, versucht sich in Spekulationen.

Ein derart sorgloses Leben gibt es freilich nur für die jungen Bürger. In mittlerem Alter ist ein Seldwyler nämlich bankrott und muss mühsam lernen, sich mit Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

 

In seinem bekanntesten Werk schildert der 1819 in Zürich geborene Gottfried Keller auf satirische Weise das Leben und Treiben kleiner Leute in einer kleinen Stadt. Die einzelnen Novellen beleuchten humorvoll, wie die Seldwyler nach wirtschaftlichem Wohlergehen streben, sich mit ihrem leichtlebigem Wesen aber ein ums andere Mal selber im Wege stehen.

 

Leichtfüßig daher kommt auch die Erzählung „Kleider machen Leute“ als bekanntester Teil der Novellensammlung. Sie rankt sich um den schlesischen Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der in Seldwyla Arbeit und Lohn verloren hat. Als er mit Kutsche und vornehmer Kleidung im Ort Goldach eintrifft, hält man ihn für einen polnischen Grafen und hofiert ihn. Erst als bei seiner eigenen Verlobung Seldwyler Bürger ihn erkennen, fliegt Strapinskis Schwindel auf. Doch er rächt sich: Mit dem Vermögen seiner Frau gründet er ein Atelier und lässt die missgünstigen Seldwyler für ihre Kleidung ordentlich bezahlen.

 

Für diese Novelle, bis heute eine der bekanntesten der deutschsprachigen Literatur, konnte Keller auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Obwohl er vorhatte, in Berlin Furore zu machen, ist es dann bei der lautstarken Ankündigung geblieben. Konnte der später wichtigste Literat der Schweiz des 19. Jahrhunderts wohl nachfühlen, wie es einem Hochstapler bei seiner Entdeckung geht, reicht die Botschaft seines Werkes viel weiter. Lustig verpackt, äußert der „Schweizer Homer“ bei näherem Hinsehen eine unverhohlene, eine zeitlose Kritik daran, dass sich die Menschen nur zu gerne von Äußerlichkeiten und Statussymbolen blenden lassen.

 

Annika Backe