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Mark Twain, Meistererzählungen

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1980

 

Es gibt wenige, die ein klareres Bild von unserer Welt zu malen wissen als Mark Twain. Mit scharfer Zunge analysiert er die Irrwitzigkeiten unseres Alltags und entlarvt mit spitzer Feder all die Hochstapler und Angeber, mit denen uns das Leben täglich konfrontiert. Mark Twain schafft das, was schon Horaz von einem brillanten Satiriker forderte: Lachend die Wahrheit zu sagen, und so den Leser dazu zu bringen, seine eigene Einstellung zu überdenken. Zum Beispiel, wenn es um das liebe Geld geht.

 

Vor dem Geld hegte Mark Twain nämlich höchsten Respekt. Es ist für ihn die einzige Triebfeder, die den Menschen zum Handeln veranlasst. „Doch bei meinen damaligen Verhältnissen gab das Gehalt den Ausschlag.“ So klar begründet der Autor die Motive seines Protagonisten in der Erzählung „Wie ich ein landwirtschaftliches Wochenblatt leitete“. Aber natürlich, möchte man sagen. Wie menschlich! Wozu sonst eine ungeliebte Tätigkeit ausüben, wenn nicht wegen des Gehalts?

 

Ständig stoßen wir im Werk Twains auf Preisangaben, auf Dollar und Cent genau. Immer wieder spielt das Geld – oder besser gesagt, die Gier danach – eine Hauptrolle. Wie viele Autoren kennt der geneigte Leser, die Rückerstattungsansprüche eines Bürgers gegenüber seinem Staat zum Thema einer Novelle gemacht haben? Mark Twain verfasste gleich zwei davon, beide im Bändchen Meistererzählungen zu lesen.

 

Oder der Sack mit Gold im Wert von 40.000 $, der bei Mr. und Mrs. Richards in Hadleyburg abgegeben wird und in einer Scharade à la Dürrenmatts Besuch der Alten Dame die Hauptrolle spielt. Die gesamte Elite der sich so ehrenwert dünkenden Stadt kompromittiert sich in der Erzählung „Als Hadleyburg verkam“. Jeder einzelne der ach so braven Bürger lügt, um sich in den Besitz der 40.000 $ zu bringen.

 

Keine Kurzgeschichte Twains kommt ohne einen Hinweis auf das liebe Geld aus. Und wenn es nur der Portier am Hoteleingang ist, der dem Gast fordernd die Hand nach einem Trinkgeld entgegenreckt. Damit illustriert Twain das, was für uns heute als Kapitalismus amerikanischer Prägung selbstverständlich geworden ist. Alles wird in Geld bemessen, jede Leistung, jede Tätigkeit, jede Ware. Mark Twain war ein Kapitalist. Und er war Unternehmer, wenn auch kein allzu erfolgreicher.

 

Seine größte Investition, rund 300.000 $ für eine mechanische Setzmaschine, scheiterte kläglich. Twain verlor sein gesamtes Vermögen. Musste sein Haus und all seinen Besitz verkaufen, noch einmal von vorne anfangen. Doch ganz der amerikanische Selfmade Man gab er keine Sekunde auf. Twain schuftete ein knappes Jahrzehnt, bis er sich am Markt wieder etabliert hatte.

 

In seinen Geschichten schenkt Twain völlig unparteiisch all seinen Gestalten die gleiche liebevolle Verachtung, dem Armen und dem Reichen, dem Betrüger und dem Betrogenen. Eine seiner Parabeln auf die moderne Geld-Welt wurde durch einen Film mit Gregory Peck unsterblich. „Die £ 1.000.000-Note“ ist der literarische Beweis, dass allein die Kreditfähigkeit einen Mann zum erfolgreichen Geschäftsmann machen kann.

 

Ursula Kampmann