«»

Emily Brontë, Sturmhöhe

 zurück

Manesse Bibliothek der Weltliteratur, 1949

 

Als Emily Brontës ihren Roman „Sturmhöhe“ 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell veröffentlicht, wird er von der viktorianischen Gesellschaft überwiegend abgelehnt und mehr als kontrovers diskutiert. Der Roman und seine Figuren, heißt es, seien zu wild, zu ungezügelt, zu leidenschaftlich und vermittelten entweder unkonventionelle oder aber gar keine Moralvorstellungen. Als sich bei der Veröffentlichung der überarbeiteten Ausgabe von 1850 herausstellt, dass es sich bei der Autorin um eine Frau handelt, ist die Empörung noch größer.

 

„Sturmhöhe“ zeigt zu welch extremen Empfindungen Menschen fähig sind. Die Geschichte erzählt von tiefer Liebe, unbändigem Hass, roher Gewalt und menschlicher Grausamkeit. In der trostlosen Einöde der nordenglischen Heidelandschaft wachsen zwei Kinder gemeinsam auf. Obwohl Catherine Earnshaw und Heathcliff eine tiefe Seelenverwandschaft spüren, lässt ihre unterschiedliche gesellschaftliche Stellung eine Heirat nicht zu. Als Catherine den wohlhabenderen Edgar Linton heiratet, setzt sie damit eine Kette von Ereignissen in Bewegungen, die die Erzählung Seite um Seite trostloser werden lassen.

 

Aus Rache heiratet Heathcliffe Edgars Schwester Isabella gegen Edgars Willen, nur um ihr das Leben zur Hölle zu machen. Catherine treibt der offene Konflikt zwischen Heathcliffe und Edgar sogar in den Tod, sie stirbt im Kindbett. Heathcliffe rächt sich außerdem an seinem ehemaligen Peiniger, Catherines Bruder Hindley. Dem inzwischen alkoholabhängig gewordenen Hindley nimmt Heathcliff nicht nur beim Spiel sein Haus ab, er hetzt auch dessen Sohn gegen ihn auf.

 

So oder so ähnlich geht es Kapitel um Kapitel, bis fast alle Figuren tot sind. Als Leser erliegt man bisweilen dem Eindruck, man habe noch nie ein trostloseres oder deprimierendes Werk zur Hand genommen. Die Kulisse des Romans ist einmalig gut geeignet, um dieses Sentiment widerzuspiegeln. Die Heidelandschaft Yorkshires bietet neblige Moore, braun-schlammige Felder, unablässigen Regen, einen grauverhangen Himmel und stürmische Winde, die durch die Häuserritzen pfeifen. Hervorragend eingefangen wird diese düstere Stimmung von der britischen Regisseurin Andrea Arnold in der naturalistisch anmutenden Verfilmung  von 2011.

 

Doch es gibt auch zeitgenössische Stimmen, die positiv ausfallen, der Autorin Originalität und eine erstaunlich große Vorstellungskraft bezeugen. Manch ein Kritiker ist sogar restlos begeistert: Es sei unmöglich den Roman zu beginnen und dann nicht zu Ende zu lesen, wird hier geschrieben, ebenso unmöglich, ihn zu lesen und danach nicht darüber zu reden. Der Roman sei schockierend, entsetzlich in seiner Darstellung menschlicher Grausamkeit, aber ebenso tief ergreifend in seiner Darstellung bedingungsloser Liebe, selbst wenn es sich hier bei den Liebenden um gefallene Engel, ja, gar um Dämonen handelte. Catherine selbst wählt diese Worte, in einer Passage, die zu den eindrücklichsten des Buches gehört: „er ist mehr ich selbst als ich selbst. Woraus auch immer unsere Seelen gemacht sein mögen, die seine und die meine sind gleich.“

 

„Sturmhöhe“ bleibt Emilys einziger Roman. Die fünfte von sechs Kindern stirbt jung, wie viele ihrer Geschwister. Zu Lebzeiten bleibt ihr nur mittelmäßiger Erfolg beschieden; Charlotte Brontës „Jane Eyre“ hingegen wird sofort ein Bestseller. Erst im 20. Jh. findet „Sturmhöhe“ breite kritische und popkulturelle Beachtung. Bislang sind knapp 20 Verfilmungen des Stoffes entstanden – die nächste kommt bereits 2018 in die Kinos.

 

Teresa Teklić