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Robert Louis Stevenson, Die Schatzinsel

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Manesse Bibliothek der Weltliteratur, erschienen 1971

 

 „Die Schatzinsel“ des schottischen Autors R.L. Stevenson gehört einer eher kleinen Untergruppe der sogenannten Weltliteratur an: der Jugendliteratur. 1881-82 wird die Erzählung kapitelweise in der wöchentlich erscheinenden Kinder- und Jugendzeitschrift „Young Folks“ publiziert. Da es eine Geschichte für Jungen sein soll, so der Autor, braucht sie weder Psychologie noch eine „feinsinnige Schreibweise“, sondern begnügt sich mit einem „recht einfachen Stil“. Doch auch mit diesem einfachen Stil  – oder vielleicht gerade deswegen – hat der Roman die Imagination unzähliger Kinder und solcher Erwachsener, die es im Herzen geblieben sind, beflügelt und sie mit Jim Hawkins und Long John Silver auf Reisen geschickt. Dass wir uns Piraten mit einem Holzbein und einem Papagei auf der Schulter vorstellen, haben wir der „Schatzinsel“ zu verdanken, ebenso wie unsere Vorstellung von Piratenschiffen, Südseeinseln mit vergrabenen Schätzen und Schatzkarten, auf denen der Schatz mit einem x markiert ist.

 

Dass viele dieser Ideen originär gar nicht von ihm stammen, stört Stevenson wenig. In einem Essay über die Entstehungsgeschichte des Romans berichtet er, dass er bislang an keinem Buch so gerne gearbeitet hat wie an der „Schatzinsel“ und fügt hinzu: „Darüber braucht man sich nicht zu verwundern, denn geklaute Äpfel schmecken sprichwörtlich süß. […] Kein Zweifel, der Papagei gehörte einst Robinson Crusoe. Kein Zweifel, das Skelett wurde von Poe abgetreten. Ich mache mir deswegen keine Gedanken [… denn] kein Mensch kann ernsthaft erwarten, ein Monopol auf Skelette zu haben oder den Markt von sprechenden Vögeln leerkaufen zu können.“

 

In mindestens einer Hinsicht aber hat Stevenson mit der „Schatzinsel“ etwas genuin Eigenes geschaffen: die Schatzkarte. Karten üben auf den Autor eine ungeheure Faszination aus und regen seine Fantasie an. Zuerst zeichnet Stevenson ohne besondere Absicht die fiktive Karte der Schatzinsel. Danach wächst die Geschichte fast organisch aus der erdachten Szenerie. Die Karte ist für den Autor sogar  „der Hauptbestandteil seines Handlungsgerüsts“, wichtigerer Anhaltspunkt als die eingestreuten Bezüge auf echte historische Piraten (Blackbeard) oder die Bezeichnung des toten Mannes Kiste, dem Namen, den Charles Kingsley einer Südseeinsel gegeben hatte und aus der Stevenson das berühmte Piratenlied macht („15 Mann auf des toten Manns Kiste, Jo Ho Ho und ne Buddel Rum!“).

 

Und die Insel? Es sind Ähnlichkeiten oder Verweise auf eine ganze Reihe von möglichen realen Inseln festgestellt worden, wonach die Schatzinsel entweder auf die Jungferninseln oder eine der Shetland Inseln verweisen könnte, wahlweise aber auch vor Kuba oder Costa Rica liegen könnte. Was wir mit Sicherheit wissen ist, dass Stevenson von Kindheit an kränklich ist und das raue schottische Klima seiner Gesundheit nicht zuträglich ist. So schreibt er in dem ihm eigenen Humor: „Ich liebe meine Heimatluft, aber sie liebt mich durchaus nicht.“ Also reist er viel und lebt an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt, darunter England, die USA und Frankreich. Er unternimmt ausgedehnte Reisen in den Pazifik, nach Hawaii, Samoa und Neuseeland. Seinen Lebensabend verbringt er auf Samoa, wo er auch begraben ist – sicherlich kein schlechter Ort, um den letzten Frieden zu finden.

 

Teresa Teklić