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Alonso de Contreras, Das Leben des Capitán Alonso de Contreras. Von ihm selbst erzählt.

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1961

 

Wer waren eigentlich diese Männer, mit denen die Spanier ihr Weltreich aufbauten? Wie muss einer beschaffen sein, der ins Ungewisse segelt, um in der Neuen Welt Gold und Silber für den spanischen König zu erbeuten? Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, der findet sie in der Autobiographie des Capitán Alonso de Contreras. Der erzählt ungeschminkt und mit viel Humor sein eigenes Leben.

 

Und das bietet mehr Stoff und überraschende Wendungen als jeder Roman. Als ältestes von 16 Kindern einer armen Familie verlässt er seine Lehre bei einem Silberschmied, um sich im reifen Alter von 13 Jahren als Soldat anwerben zu lassen. Dieses Handwerk beherrscht er. Er steigt auf, während er in Flandern, Sizilien und Nordafrika kämpft. Er heiratet, bringt seine Frau aber gleich wieder um, als er merkt, dass sie ihn betrügt. Zwischenzeitlich wird er Einsiedler, lebt von Almosen und wäre vielleicht als christlicher Eremit gestorben, hätte er nicht die glorreiche Idee gehabt, zwischen Aragon und Kastilien, sozusagen im Niemandsland, ein eigenes kleines Fürstentum zu errichten. Das bringt ihn in Untersuchungshaft. Verurteilt wird er aber nicht, da er dafür gestehen müsste, und das tut er nicht einmal unter der Folter. So nimmt ihn die spanische Krone wieder in ihren Dienst, schickt ihn mal nach Flandern, mal in die Karibik, mal nach Nordafrika, wo er seine Schiffe derart erfolgreich führt, dass ihn Philipp III. zum Admiral der Flotte macht, die jedes Jahr die Schiffe begleitet, die das Silber von der neuen Welt nach Spanien bringt.

 

Und damit haben wir noch nicht einmal das halbe Leben des Alonso de Contreras erzählt. Sie halten das für übertrieben? Nun Historiker haben bestätigt, dass zumindest die Daten und Fakten stimmen. Contreras erzählt die Wahrheit oder wenigstens das, was er dafür hält, und ist damit einer der Charaktere, die in Spanien eine ganze Literaturgattung inspiriert haben, die novela picaresca. Was im Deutschen ungenügend mit Schelmenroman übersetzt wird, beschäftigt sich mit den Männern, die Spanien gross gemacht haben. Sie sind vielleicht wagemutig, aber keine Heiligen, im Gegenteil. Moral sucht man vergebens. Es geht um den Erfolg. Um den Erfolg, der mit allen Mitteln erreicht werden muss. Wie viele Feinde dafür erschlagen werden müssen? Wen interessiert das! Man bäckt kein Omelett, ohne Eier zu zerbrechen.

 

Wir stehen diesen Schilderungen geradezu fassungslos gegenüber. Alonso de Contreras tötet ohne nachzudenken. Und genauso stoisch erleidet er Verletzungen und Folter. Der Tod? Berufsrisiko! Wer will schon an morgen denken?

 

Wer sich jemals gewundert hat, warum ein Mann ein Schiff besteigt, ohne zu wissen, ob Proviant und Wasser ausreichen, bis er wieder Land sieht, der sollte Alonso de Contreras’ Autobiographie lesen. Sie führt unsere Vorstellungen von Sicherheit und Planbarkeit ad absurdum. Aber vielleicht braucht man genau solche Männer, um neue Kontinente zu entdecken und um sie auszubeuten.

 

Ursula Kampmann