«»

Hermann Hesse, «Siddharta»

 zurück

3,5 Millionen Mal verkauft sich Hesses «Siddharta» in den 1970er-Jahren in den USA. Eine Jugend auf der Suche nach Frieden und sich selbst entdeckt eine Geschichte, die bereits 50 Jahre zuvor in der Schweiz geschrieben wurde. Damals war es der gut 40-jährige Hermann Hesse, der auf der Suche war. Er hatte sich gerade von seiner Familie getrennt und suchte im Tessin eine neue Heimat.

 

Für seine persönliche Suche greift Hesse auf die eigene Herkunft zurück. Aus einer Missionarsfamilie kommend, habe er das geistige Indertum als Kind genauso eingeatmet wie das Christentum, wie er sagt.

 

Siddharta, Sohn eines Brahmanen, geht von Anfang an seinen Weg. Er tritt nicht in die Fussstapfen seines Vaters, sondern lebt einige Jahre bei den Asketen. Was er hier lernt, möchte er zurück in der Gemeinschaft gegen die Liebeskunst eintauschen: «Ich kann denken, ich kann warten, ich kann fasten.» Siddharta hat aber noch weitere Gaben: Schreiben und Lesen. Diese Talente setzt er als Kaufmann ein und gelangt damit zu Reichtum. Als er an sich «jene Züge der Unzufriedenheit, der Kränklichkeit, des Missmutes, der Trägheit, der Lieblosigkeit» entdeckt, die er im Gesicht der Reichen ausmacht, ist es Zeit für einen Wandel. Er begibt sich zum Fährmann Vasudeva, der das Geheimnis des Flusses kennt, das da lautet: Es gibt keine Zeit.

 

Siddharta ist bis anhin ein Suchender gewesen. Doch hier am Fluss angekommen, wird er zum Findenden: «Suchen heisst: ein Ziel haben. Finden aber heisst: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.» Siddhartha geht es einzig darum, die Welt lieben zu lernen. Dazu hat er in der Meditation gelernt, die Zeit aufzuheben: Alles gewesene, seiende und sein werdende Leben ist gleichzeitig, und da ist alles gut, alles vollkommen …»

 

Warum stiess eine Geschichte, die weder in Europa und Amerika spielt noch deren kulturelles Denken widerspiegelt, auf ein derart grosses Echo? Im Europa der 1920er-Jahre sucht eine Generation nach dem Ersten Weltkrieg einen Neuanfang. In den USA der 1970er-Jahre lehnen sich die Jungen gegen die Nachkriegsgeneration des Zweiten Weltkriegs und den Vietnamkrieg auf. Abgesehen vom gesellschaftlichen Hintergrund nehmen die Lesenden aber auch die persönlichen Fragen des Autors nach dem Sinn des Lebens auf. Hesse hat es sich damit nicht einfach gemacht. Über ein Jahr lang konnte er den ersten Teil des Textes nicht fortführen oder zu einem Ende bringen. Das persönliche Ringen des Autors geknüpft mit drängenden Lebensfragen machen Siddharta zu einer zeitlosen Lektüre. Alles andere müsste man bei einem Text, der die Zeit aufhebt, als misslungen betrachten.

Ursula Kohler