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Max Frisch, Stiller. Eines der Lieblingsbücher von Jürg Conzett.

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Erschienen im Suhrkamp Verlag, 1954.

 

Als junger Mensch hat man noch keine Identität. So sah ich es jedenfalls, als ich noch studierte und nur große Pläne hatte, aber keine Vergangenheit. Ich war nur über meine Umwelt definiert, über meine Eltern, die Familie. Ich hatte nicht dies und das geleistet, sondern der Junge, der noch dies und das zu tun hatte. Natürlich sahen die anderen mich nicht so, wie ich gerne sein wollte, sondern wie siemich sehen wollten. Aus diesem Dilemma wollte ich ausbrechen. Und damals bekam ich Max Frischs „Stiller“ in die Hände.

 

Ich erkannte mich sofort wieder: Da ist einer, dem alle sagen, wer er ist, was er getan hat, welches Leben er geführt hat. Aber dieser Mann weigert sich, eben jener Stiller zu sein und nennt sich White. Stillers Ehefrau liebt er tatsächlich; aber nicht als Stiller möchte er geliebt werden, sondern als jemand ganz anderer. Hat dieser Stiller das Leben, dessen er überdrüssig gewesen ist, einfach abgestreift wie eine Schlange ihre Haut und ein neues Leben begonnen? Der Ich-Erzähler wird bei seiner Einreise in die Schweiz verhaftet und füllt auf Anraten seines Anwaltes mehrere Hefte mit Erinnerungen, in denen er von Stiller stets in der dritten Person spricht. Am Ende zwingt ihn das Gericht, wieder Stiller zu sein. Er lebt mit seiner Frau zusammen, mit der Frau, die er liebt, die ihn aber nicht als einen anderen Menschen lieben kann, sondern in ihm nur den Mann sieht, der sie einst verlassen hat.

 

Damals, als Student, beneidete ich Stiller um seine Vergangenheit. Ich hatte ja nicht einmal eine Identität, die ich hätte wechseln wollen, ich musste mir alles erst noch aufbauen. Aber die Themen des Buches waren genau die, die mich damals umtrieben: Können wir selbst bestimmen, wer wir sein wollen? Gegen die Ansichten der anderen? Können wir uns von unserer Vergangenheit lösen, unsere Identität wechseln? Noch heute, wo ich eine Identität habe, finde ich die Fragen genauso spannend. Denn sie betreffen letztlich auch unsere Gesellschaft und wie wir miteinander umgehen.