Matthes & Seitz Verlag, Berlin
Indigene Literatur
Bei den folgenden Indigenen Werken handelt es sich um Klassiker der Anthropologie, die erstmalig ins Deutsche übersetzt wurden:
- Anna Lowenhaupt Tsing: Friktionen. Eine Ethnografie globaler Verflechtung
- Dahr Jamail und Stan Rushworth: Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit. Indigene Stimmen von der Schildkröteninsel
- Yngve Ryd: Flamme und Glut. Die Feuerkunst der Samen
- Marshall Sahlins: Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft
- Ivan Segré: Der Westen, die Indigenen und wir
- Ernesto de Martino: Die magische Welt
Die bei Matthes & Seitz Berlin erschienenen Bücher zu indigenen Themen bilden gemeinsam ein intellektuelles Labor, das zentrale Annahmen der westlichen Moderne hinterfragt. Besitz, Fortschritt, Wachstum, Rationalität und das Verhältnis zur Natur erscheinen nicht mehr als universelle Selbstverständlichkeiten, sondern als historisch gewachsene Perspektiven neben anderen Formen des Wissens.
Anna Lowenhaupt Tsings „Friktionen" zeigt am Beispiel Borneos, wie globale Wirtschaftsinteressen auf lokale Lebenswelten treffen. Die Konflikte um Wälder, Rohstoffe und Entwicklung verdeutlichen, dass globale Prozesse stets durch konkrete kulturelle und soziale Bedingungen geprägt werden. Indigene Gemeinschaften erscheinen dabei nicht als passive Opfer, sondern als eigenständige Akteure mit eigenen Vorstellungen von Leben und Umwelt.
Der Gesprächsband „Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit" versammelt indigene Stimmen Nordamerikas. Die Erfahrungen von Kolonialisierung, Vertreibung und ökologischen Krisen werden hier nicht nur als Leidensgeschichte erzählt, sondern auch als Quelle eines Wissens, das auf langfristigen Beziehungen zwischen Mensch, Gemeinschaft und Natur beruht. Gerade angesichts heutiger Umweltkrisen gewinnen diese Perspektiven neue Bedeutung.
Yngve Ryds „Flamme und Glut" dokumentiert das traditionelle Feuerwissen der Samen. Das Buch macht sichtbar, wie tief praktisches Können, Umweltkenntnis und kulturelle Identität miteinander verbunden sind. Wissen erscheint hier nicht als abstrakte Theorie, sondern als gelebte Erfahrung.
Marshall Sahlins' Klassiker „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft" stellt die Vorstellung infrage, Wohlstand müsse auf ständigem Wachstum beruhen. Er zeigt, dass Gesellschaften auch durch begrenzte Bedürfnisse, soziale Bindungen und ein ausgewogenes Verhältnis zur Umwelt Wohlstand erfahren können.
Ivan Segré stellt die Frage, wer das westliche „Wir" eigentlich ist und warum es sich oft über die Abgrenzung zum „Indigenen" definiert. Indigene Kulturen erscheinen dabei nicht als Forschungsobjekte, sondern als eigenständige Perspektiven. Das Buch fordert dazu auf, westliche Selbstbilder, Machtverhältnisse und Wissensordnungen kritisch zu hinterfragen.
Ernesto de Martinos „Die magische Welt" schließlich relativiert die scharfe Trennung zwischen moderner Rationalität und sogenannten magischen Weltbildern. Magie erscheint als menschlicher Versuch, Orientierung und Sicherheit in einer unsicheren Welt zu schaffen.
Gemeinsam eröffnen diese Bücher einen Perspektivwechsel: Indigene Wissensformen werden nicht als Relikte der Vergangenheit verstanden, sondern als ernstzunehmende Beiträge zu den Fragen der Gegenwart und Zukunft.